Southside Johnny & The Asbury Jukes, 29. Oktober 2009

29. Oktober 2009 – Honerkamps Ballsaal, Melle, Niedersachsen –
Wie, um alles in der Welt, schaffen es Southside Johnny & the Asbury Jukes Jahr um Jahr, mehrere hundert Menschen dazu zu bringen, ihr kuscheliges Sofa zu verlassen, um sich an einem wirlkich ungemütlichen Herbstabend im tiefsten, tiefen Niedersachsen zu versammeln?
Die kurze Antwort zu dieser langen Frage liegt wohl bei Volker König, dem unermüdlichen Promoter von Rockmusik in besagtem niedersächsischen Provinznest, der es nun schon seit Jahren schafft die Jukes in unterschiedlicher Formation an wechselnden Orten immer wieder in Melle auftreten zu lassen – und das wohl sicher nicht tun würde, wenn er damit nicht auch einen gewissen wirtschaftlichen Ertrag erzielen könnte.
Die längere, und sicher auch etwas kompliziertere, Antwort auf die Frage, geht zurück in die Zeit, in welcher sich Southside Johnny und die Asbury Jukes ihren Ruf als die “Beste Bar Band der Welt” erarbeitet haben. Ein Ruf, dem man erst einmal gerecht werden muss. Doch jeder, der auch nur entfernt schon einmal mit den Jukes zu tun hatte, sei es als Fan oder als Veranstalter wird bestätigen: Die Jukes sind, auch im 21. Jahrhundert, noch immer die Essenz von Live Musik. Sie bringen alles auf eine Bühne: Spontanität, Talent, individuell, als auch im Kollektiv, Interaktion auf der Bühne und mit dem Publikum und – am meisten von allem – die unglaubliche Leidenschaft für ihre Musik.
“What the hell are you doing out there? Anyone wanna go home?”, so die Begrüssung von Johnny bevor er mit seiner Crew mit dem Stones Klassiker “Happy” endlich die Hitze in der kalten Oktobernacht aufgedreht hat. Mit “I Played The Fool”, einem der vielen Steve van Zandt Klassiker, setzte die Band die Show reibungslos fort. Kurz Atem holend bat Johnny etwas zerknirscht um Verständnis darum, dass Eddie Manion und Bobby Bandiera, zwei Ur-Mitglieder der Jukes, in Melle nicht anwesend sein konnten. Während Eddie Manion mit Bruce Springsteen, Billy Joel und Stevie Wonder auf dem 25. jährigen Jubiläum der Rock&Roll Hall of Fame im Madison Square Garden in New York spielen durfte, war Stamm-Gitarrist Bobby Bandiera mit Bon Jovi zu Promotion Auftritten in Japan unterwegs. Aus diesem Grund präsentierte Johnny mit Glen Alexander wieder einmal einen neuen Gitarristen an seiner Seite. Und – wirklich – der Mann hat mehr als Eindruck hinterlassen.
Ich habe mir natürlich ernsthaft Mühe gegeben, eine Setlist zu führen, und alles lief ganz prima, bis zu dem Punkt an dem ich dann versucht habe, meine Notizen zu lesen. Offensichtlich reicht mein Augenlicht nicht mehr wirklich dazu, im dunklen zu schreiben, doch soweit ich mein Geschreibsel noch rekonstruieren konnte, lief die Show dann in etwa so weiter:
Coming Back, Gin Soaked Boy, Talk To Me, Into The Harbour, Joey’s Song (aka Walk Away Renée), Cadillac Jack’s No 1 Son, Love On The Wrong Side Of Town, The Fever, Living With The Blues, You’re My Girl, This Time Baby’s Gone For Good, I Don’t Want To Go Home, It’s Been A Long Time, Better Days
Encore: Tired Skin, Down, Down, Down, I’ve Been Working Too Hard
Die Temperatur im Ballsaal zu Melle stieg Lied um Lied. Und, klar, all die Markenzeichen der Jukes waren vorhanden, vorrätig und verdammt genial: Die roll-roll-roll-clap hand-jivin’ Routine der Bläsersektion – Joe Belia, dessen Drums Sticks an Stroboskob Beleuchtung erinnerten (die im Ballsaal aber gar nicht installiert war!), weil er sich nicht nur schnell, sondern auch mit unglaublicher Präzision hinter seinen Drums zu bewegen wusste. (Übrigens mag ich deine Lederhandschuhe, Joe!) – Die unbeschreiblichen Mundharmonika Solos von Johnny, genau so wie sein unglaublicher Soul und seine Leidenschaft. Er hat es geschafft, jedes Wort, jede Zeile die er sang, mit maximaler Emotion in den Kopf und direkt in die Seele seines Publikums zu übertragen. – Neals großartige Posaunen Solos – Chris’ meisterhafte Trompete in “The Fever” und “Tired Skin”, – Joey Stann in “René”, dessen Solo ein Highlight jeder Show für mich ist – genau so wie Jeffs B3 Hammond Orgel und Keyboard, die jedem Song eine Cinemascope Tiefe und jede Menge Gefühl hinzufügen.
Während John schon einige Tage vorher in Deutschland auf kultureller Rundreise war, hatte die Band nahezu NULL Zeit zur Akklimatisierung. Sie kamen Non-Stop aus New Jersey – ins Flugzeug – auf die Bühne von Honerkamps Ballsaal. Johnny meinte nur, die Band wisse wohl gar nicht, wo sie gerade sei, doch, soweit es mich betraf, von meinem neuen Lieblingsplatz an Joe Prinzos Mischpult, klang die Band besser als jemals zuvor auf einer Bühne in Melle.
Es war eine fabelhafte Show. Musikalisch, technisch, mit vielleicht ein wenig mehr Blues, als gewöhnlich. Es erstaunt mich jedes Mal aufs neue, wie diese Band es schafft, jeden Song jedes Mal wieder so zu spielen, wie zum allerersten Mal. Die Routine dieser Band befördert nicht etwa eine eintretende Langeweile, sondern eine immer größere, spontane Kreativität.
Ich kann mit Sicherheit behaupten, dass auch als “Baby, baby, baby… goodnight!” dann zwei Stunden später das Ende der Show signalisierte, noch niemand aus dem Publikum bereit war, die Band auf ihre folgende Europa Tournee zu entlassen.
Und so kam es auch dieses Mal wieder zu dem schönen Ritual, dass die ganze Band nach den Zugaben wieder vor den Vorhang trat, um geduldig Autogramme zu geben und für Fotos zu posieren. Ein Ritual, das hervorragend beidseitig funktioniert; gibt es doch auch den Fans die Gelegenheit, den Musikern persönlich “Danke” zu sagen und Abschied zu nehmen.
Von meiner Seite – und ich weiß ehrlich nicht mehr, wie viele Shows von Southside Johnny & den Asbury Jukes ich in all den Jahren gesehen habe – es waren in definitiv noch nicht genug! – Was ich weiß, und das bestätigt sich in Melle jedes Jahr wieder, ist, wie cool es doch einfach ist, wenn die Jukes, sozusagen, bei mir “um die Ecke” auftreten.
Danke Bill, danke Volker und danke Southside Johnny & the Asbury Jukes – have a great rest-of-the-tour!
Copyright © by Maggie Powell, Übersetzung: Klaus Böttger – 2009
Foto Copyright © by Gundula Johannsmann – 2009
Southside Johnny Lyon: Lead Vocals & Harp
Glenn Alexander: Guitar & Backing Vocals
Jeff Kazee: Piano, Organ, Lead & Backing vocals
John Conte: Bass & Backing Vocals
Joe Bellia: Drums
Joey Stann: Tenor Saxophone
Chris Anderson: Trumpet
Neal Pawley: Trombone





